Schreiborte, Folge II: Im Hotel

Neulich, in einem Hotel in Kairo. Im Stadtzentrum, direkt über einer Hauptstraße, aber das Zimmer ist keins von den ganz billigen, also bin ich guter Hoffnung, obwohl der Preis in Kairo nichts heißen muss. Ein junger Ägypter gibt mir an der Rezeption einen Schlüssel. Ich schleppe meinen Rucksack durch einen Gang und finde meine Zimmernummer. Schlüssel rein, Sesam öffne dich.

Erster Eindruck: ganz ok. Großer Tisch vor noch größerem Fenster.

Checkt ein beliebiger Autor irgendwo auf der Welt in ein Hotelzimmer ein, wandert der Blick erstmal zum Schreibtisch und der ambitionierte Schreiber stellt sich die Frage: Wird es hier gehen?

Aber mit Hotelzimmern ist das so eine Sache. Manche eigenen sich perfekt zum Schreiben, andere überhaupt nicht. Denn ein guter Tisch allein ist noch lange nicht genug, er muss zudem noch an der richtigen Stelle stehen, die Energien müssen fließen können, der ganze Raum muss die richtige Atmosphäre haben. Das klingt nun alles etwas esoterisch, aber habt ihr mal in einem fensterlosen Raum versucht, ein paar zusammenhängende Sätze zu tippen? Ich hatte in Mumbai mal einen fast perfekten Schreibtisch in einem wirklich schönen Zimmer, aber was fehlte, war die Aussicht. Das einzige Fenster dieses Zimmer war im Bad und man schaute direkt auf die nächste Hauswand. Ein paar Wochen später, in Palolem, Goa, raffte sich das Reise-Schreib-Karma zu einer Entschädigung auf: ein Apartment mit Balkon, dazu Meerblick, Vögel und Affen in den Bäumen — perfekt. Ich schaffte trotz Urlaub fast fünfzehn Seiten in vier Tagen.

Andere Stadt, anderes Beispiel: In Jerusalem hatte ich mal einen Balkon im obersten Stock eines Hotels mit Blick auf die Altstadt, auf dem ich saß bis der Laptop keinen Akku mehr hatte.

Oder Marrakesch, auf dem Dach des Riads, in dem ich schlief. Fernab vom Chaos um mich herum und trotzdem gefühlt mittendrin.

Das aktuelle Zimmer in Kairo hat Potential, vor allem, da ich am weit offenen Fenster sitzen kann, mit dem Kleinkrieg, den sie hier Verkehr nennen, unter mir, was für meine kreativen Energien zwar sehr förderlich ist, mich andererseits aber einer ständigen Smogbelastung aussetzt, die so stark ist als würde ich ununterbrochen rauchen. Ich rauche natürlich trotzdem ununterbrochen. Und nachdem der Laptop vor mir summt, gesellt sich zu schweren Lungenkrankheiten noch ein anderes Problem: megaschlechtes W-Lan. Damit kann ich eventuell leben, es kommt auf den Versuch an …

Oder? Was wenn ich den Tisch näher Richtung Tür rücke … ?

Aber wie dem auch sei — warum ist das so? Warum haben Hotelzimmer einen besonderen Reiz als Orte zum Schreiben?

Ein Teil der Antwort hängt mit einem Phänomen zusammen, dass man auch aus Cafés und Bars kennt: die Geräusche fremder Menschen zu hören, ohne direkt angesprochen zu werden, macht kreativ. Der andere Teil der Antwort ist schon wieder esoterisch, aber wer von euch hält Schreiben nicht für Magie? Also sagen wir einfach mal: Geister. Die Aura fremder Leute schwebt in diesen Zimmern. Und daran hängen Geschichten. Was haben diese Leute in diesen Räumen getan? Sich geliebt? Sich gestritten? Vielleicht Spuren hinterlassen? In der Wand, in den Dielen, im Türrahmen?

Oder auch in der Bettwäsche? Womit wir wieder bei den hart facts des Nomadentums wären, die Magie des Schreibens jetzt mal beiseite. — Ich schlage die mit Pyramiden bestickte Decke zurück und finde einen Fleck. Dann noch einen. Heute Nacht wird wohl in Klamotten geschlafen …

Dieser Text ist damit beendet.