Schreiborte, Folge I: Im Zug

Schreiben im Zug

Züge sind nur bedingt geeignet, Regional- und S-Bahn gehen für mich gar nicht, in allem ab IC aufwärts kann man mal Glück haben, aber selbst in Deutschlands höchsten Zugklassen müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein, damit ich gerade Sätze zu Papier bringen kann.

Es darf zum Beispiel niemand neben mir sitzen. Hinter mir geht eigentlich auch nicht, sonst fühlt man sich doch gleich wie ein Schüler, dem der Lehrer kontrollierend über die Schulter sieht. Nein, Herr Oberstudienrat, so wird das nichts.

Schreibräume sind private Räume und auch in der Bahn muss daher eine gewisse Zone um mich herum frei sein, damit ich produktiv werden kann. Dann hat das Ganze aber Potential, ganz große Klasse zu werden, denn die Aussicht und die Geräuschkulisse sind nahezu perfekt. Ich habe in einem Panorama Bordrestaurant, wie die neuen Schweizer ECs sie haben, auf der Strecke Basel — Düsseldorf mal fünf Stunden durch geschrieben, fast völlig ungestört, nur der Kellner fragte hin und wieder, ob ich noch ein Bier wolle. — perfekt.

Und schließlich wäre da noch Kafkas „Urteil“, während einer Zugfahrt vom 22. auf den 23. September 1912 geschrieben, ein Text für die Ewigkeit, und viel mehr gibt es zu den positiven Auswirkungen von Zügen als Schreiborten wohl nicht zu sagen, außer vielleicht, dass ich mal wieder auf dem Weg in die Schweiz bin, während ich diese Zeilen tippe — unter mir rattern die Gleise, vor mit klappern die Tasten.

Allzeit gute Fahrt und senk ju vor träwelling wiss Deutsche Bahn.